Der Begriff Cattenom war in den letzten Monaten besonders häufig in den Medien zu vernehmen. Dabei ging es durchwegs um das Atomkraftwerk, das nach dem gleichnamigen Ort im Moseldepartement, unweit der Grenze zu Luxemburg und Deutschland, benannt ist. Der schriftdeutsche, doch seit 1918 aufgrund der Zugehörigkeit zu Frankreich nicht mehr offizielle Name für den Ort lautet Kattenhofen oder Kettenhofen, der moselfränkische bzw. luxemburgische Kettenuewen (Kettnowen, Kettwen), seltener Kattenuewen.

Abbildung 1: Der Ort Kattenhofen auf einer Karte aus der Zeit zwischen 1871 und 1918, als das Gebiet des Moseldepartements zu Deutschland gehörte. Die blaue Linie markiert die Sprachgrenze zwischen Welsch- und Deutschlothringen (GNU-Lizenz).

 

Der Ort Kattenhofen hat auch einen Familiennamen hervorgebracht. Dieser lautet Kettenhofen und gehört in Luxemburg zu den selteneren Familiennamen. Häufiger erscheint er im Saarland. Im Raum Lüttich findet sich die seltenere Variante Kettenhoven. Die Variante Kettenhof kommt dagegen noch seltener in der Nähe von Trier vor:

Abbildung 2: Verteilung des Familiennamens Kettenhofen (Kettenhoven, Kettenhof) in Luxemburg, Belgien und Deutschland. Quelle: Luxemburgischer Familiennamenatlas (LFA).

 

In Frankreich erscheint der Name ausschließlich im Moseldepartement, und zwar als Kettenhofen und seltener als Kettenhoven.



Abbildung 3: Verteilung des Familiennamens Kettenhofen in Frankreich. Quelle: http://www.geopatronyme.com/

 

Abbildung 4: Verteilung des Familiennamens Kettenhoven in Frankreich. Quelle: http://www.geopatronyme.com/

 

Interessant ist ferner, dass die frühesten Belege des Familienamens bzw. damals noch Beinamens auf Kettenheim (und nicht Kettenhofen) weisen. So heißt es z. B. in den Rechnungsbüchern der Stadt Luxemburg aus der Zeit zwischen 1388 und 1500:

Abbildung 5: Der Beiname kettenhem in den Rechnungsbüchern der Stadt Luxemburg. Quelle: Gniffke.

 

Der Familienname Kettenheim kommt heute nicht mehr vor, genauso wenig wie der homophone Name für den Ort Kattenhofen. Dies lässt den Schluss zu, dass die Bildungen auf ‑heim älter und jene auf ‑hofen jünger sind. Erwiesen wird dies auch durch die Belegkette des Ortsnamens, die u. a. folgende Formen beinhaltet: 1182 Cathenem; 1214 Kettenem; 1329 Kettenhem; 1432 Katenem; 1481 Kettenheim; 16. Jh. Catnum; 1544 Ketenhem, Kettenoffen; 1568–1570 Kettenoven; 1668 Katenom; 1685 Catnom; 1686 Kethenoven (de Bouteiller, S. 46). Die frühesten Belege weisen somit auf mhd. *Kattenheim / Kettenheim, und diese wurden zu einem späteren Zeitpunkt in Kattenhofen / Kettenhofen umgeändert. Noch bevor es zum Wechsel von -heim zu -hofen kam, entwickelte sich die Variante *Kattenheim durch Reduktion des im Nachton befindlichen Grundwortes zu *Kattenhem und durch positionsbedingte Unterdrückung von h zu *Kattenem weiter. Die Aussprache von *Kattenem lautete genau genommen [ˈkʰatənəm]. Diese Form wurde ins Französische entlehnt. Nachdem dort [əm] unter den Ton geraten war, wurde [ə], das im Französischen in betonter Position nicht vorgesehen ist, durch den nächst ähnlichen Vokal [ɛ] substituiert: *[katəˈnɛm]. Die Frage ist nun, wie man in einem weiteren Schritt von *[katəˈnɛm] auf Cattenom *[katəˈnɔm] kommt. Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf die französischen Mundarten Lothringens erforderlich: Den Appellativen standardfrz. même (lat. *metĭpsimu), femme (lat. fēmina), baptême (lat. baptismus) entsprechen in Teilen des Moseldepartements frz.-mundartl. mǫm’, fǫm’, bętǫm’ (vgl. Horning, S. 32–33). Vor demselben Hintergrund, d. h. durch Velarisierung von [ɛ] zu [ɔ] vor Nasal, ließe sich *[katəˈnɛm] > [katəˈnɔm] erklären (verfehlt: Nègre, 13995 u. 14001). Rezent und wohl durch die Schreibung beeinflusst ist dagegen die alternative Aussprache *[katəˈnɔ̃] (vgl. nom vs. homme).

 

Exkurs: Der Ausgang –om in weiteren Ortsnamen

 

Widmen wir uns nun der Etymologie des Ortsnamens *Kattenheim / Kettenheim. Als Bestimmung liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Personenname zu Grunde. Dieser ist als ahd. *Katto zu erschließen und muss aus westgerm. *Kaddōn (n-Stamm) entstanden sein oder nach der zweiten Lautverschiebung aus gallorom. Catto(n) (vgl. Holder I, Sp. 845) entlehnt sein (ähnlich, jedoch unpräzise: Nègre, 13995). Die ursprüngliche Bedeutung von *Kattenheim / Kettenheim ist ‘Heim des *Katto’. Der Wechsel zwischen a und e der Erstsilbe hat folgenden Hintergrund: Die Genitivendung der n-Stämme ist ahd. -en oder -in. Laut historischen Grammatiken ist -en allgemein fränkisch, -in vorwiegend oberdeutsch, findet sich aber auch im ost- und rheinfränkischen Süden (vgl. Afrk. Gr., § 147; Ahd. Gr. I, § 221, Anm. 1). Der Name *Kattenheim / Kettenheim wäre jedoch ein Beispiel dafür, dass die Endung nicht geografisch verteilt war, zumal *Kattenheim auf ahd. *Kattenheim und Kettenheim auf ahd. *Kettinheim weist. Das e in ahd. *Kettinheim ist aus älterem a aufgrund des i in der Folgesilbe umgelautet.

 

Fazit: Ahd. *Katto + heim ‘Heim des *Katto’ hat im Deutschen (und damit auch im Moselfränkischen bzw. Luxemburgischen) insgesamt vier Varianten hervorgebracht, von denen drei noch zeitgenössisch sind: Cattenom, Kattenhofen/Kattenuewen, Kettenhofen/Kettenuewen. Die Variante *Kattenheim lebt fort in frz. Cattenom. Den jüngeren Varianten Kattenhofen und Kettenhofen entsprechen die jeweiligen Gleichungen mslfrk. bzw. lb. Kattenuewen und Kettenuewen. Als Familiennamen sind nur die Formen mit Umlaut, die auf Kettenheim (heute ausgestorben) und Kettenhofen weisen, überliefert.

 

Cristian Kollmann

 

Literatur:

Afrk. Gr. = Franck, Johannes 1971: Altfränkische Grammatik. Laut- und Formenlehre. 2. Auflage von Rudolf Schützeichel. Göttingen.

Ahd. Gr. I = Braune, Wilhem 2004: Althochdeutsche Grammatik I. Laut- und Formenlehre. 15. Auflage bearbeitet von Ingo Reiffenstein. Tübingen.

de Bouteiller, Ernest 1874: Dictionnaire topographique de l’ancien département de la Moselle comprenant les noms de lieu anciens et modernes. Paris.

Gniffke, Andreas 2010: Die Personennamen der Stadt Luxemburg von 1388–1500. Namenbuch und namenkundliche Analyse auf Basis der Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg.

Holder, Alfred 1896–1907: Alt-celtischer Sprachschatz. 3 Bände. Leipzig. Nachdruck Graz 1961–62.

Horning, Adolf 1887: Die ostfranzösischen Grenzdialekte zwischen Metz und Belfort. Heilbronn.

Le Trésor de la Langue Française informatisé (1971–1994). Dictionnaire de la langue française extrêmement complet sur les mots du XIXᵉ siècle et du XXᵉ siècle: 100 000 mots avec leur histoire, 270 000 définitions, avec des exemples, etc., avec un puissant système de traitement.

Nègre, Ernest 1990–1998: Toponymie générale de la France. 3 Bde. Genf.

Rudolph, H. 1872: Vollständigstes geografisch-topographisch-statistisches Orts-Lexikon von Elsaß-Lothringen. Zugleich als Supplement zu H. Rudolphs Orts-Lexikon von Deutschland und der ganzen österreichisch-ungarischen Monarchie. Leipzig.

Zéliqzon, Léon 1924: Dictionnaire des patois romans de la Moselle. Straßburg/London.

 

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4 thoughts on “Aus der Vorgeschichte von Cattenom (Juli 2011)

  1. Dr. Ralf Kettenhofen

    Sehr geehrter Herr Kollmann,

    vielen Dank für das Zusammenstellen der Informationen zur Stadt Cattenom und dem Familiennamen Kettenhofen auf dieser Seite.
    Ergänzen möchte ich noch das Folgende.
    Es gab Mitte des 19. Jahrhunderts (ca. 1850) in Deutschland eine Homogenisierung der Schreibweise von Familiennamen und Kettenhofen hat sich hier offensichtlich durchgesetzt. Alle Familien mit heute noch existierenden Namensvarianten wie Kettenhoven lebten folglich schon vorher ausserhalb von Deutschland.
    Dies trifft ebenfalls für die Auswanderer nach Nordamerika zu, die im Wesentlichen im 19. Jahrhundert emigrierten (siehe entsprechende Hinweise in den Familienbüchern von Reinhold Junges und Klaus Sieren bzw. Josef Mergen ‚Die Amerika-Auswanderung aus dem Regierungsbezirk Trier‘). In den USA leben heute eine beträchtliche Anzahl Familien mit dem Namen Kettenhofen und einige wenige mit der ‚v‘-Variante.

    Prof. Michel Pauly von der Universität Luxemburg hat in seinem Buch ‚Luxemburg im späten Mittelalter; Verfassung und Führungsschicht der Stadt Luxemburg im 13. bis 15. Jahhundert‘ einiges über die Schöffen der Familie ‚von Kettenheim‘ geschrieben. Auch zitiert er, dass Francekin von Kettenheim bereits 1334 Probst und 1358 Schöffe in Thionville war.

    Auf der folgenden französisch sprachigen Seite findet sich eine komplette Liste der verschiedenen Schreibweisen der Stadt Cattenom im zeitlichen Verlauf.
    http://www3.ac-nancy-metz.fr/patrimoine57/spip.php?article130

    Ausserdem werden weitere Spekulationen über die etymologische Bedeutung von Kettenhofen vorgestellt.

    Freundliche Grüße,

    Ralf Kettenhofen

  2. Guy

    Dass op Kettenuewen eng Kéier sollt e Kettenuewen (ass net all Atomzentral e Kettenuewen, also e Raum wou duerch eng Kettereaktioun Hëtzt produzéiert gëtt?) stoe kommen, war also scho laang am Numm festgeschriwwen. Leider hunn d’Franzousen dat schéint Wuert Kettenuewen zu Cattenom ëmgeschriwwen. Domatt hu se un de Schwanz vum Wuert de NON virprogramméiert deen dausende vu Leit op d’Strooss géint d’Atomzentral vu Cattenom bruecht huet, an un de Kapp vum Wuert hu se, an dat ass bei Wäitem méi bedenklech, déi dräi éischt Bustawe vu CATastrophe gesat. Dat mécht Angscht. Wann et alt nëmme beim Ufank vun enger Katastrof bleift, dann hate mer nach Chance.

    • Merci, Guy, fir dës geeschträich etymologesch Ëmdeitung! 🙂
      Peter

  3. Ernst Aymanns

    ich arbeite an einer genealogie der familie senzig/Sentzich..meine vorfahren
    kommen aus cattenom/Sentzich..einer meiner vorfahren anselme de sentzich hat
    im 13.jahrhundert eine lucy de cattenom geheiratet und war seigneur von
    cattenom und pompierre. meine familie „de sentzich“ ist im 14.jahrhundert nach
    trier umgesiedelt. Es gibt versch. Theorien über die Entstehung des Namens cattenom, aber ich denke das der name von einem volksstamm „Catte“ o.ä. herstammt. Es besteht eine enge Beziehung zu Thionville/Diedenhofen. Diedenhofen
    war eine kaiserpfalz zur Zeit von Karl dem Grossen..Karls Mutter soll ja auch
    der Gegend um Diedenhofen stammen und vermutlich Karl auch in Diedenhofen geboren
    worden sein..In Cattenom selbst gab es auch eine Niederlasssung des Deutsch-
    Ritterordens, deren Dependence noch in Cattenom steht, direkt gegenüber der
    Kirche in der Ortsmitte..Der Name „Cattenom“ war also bereits im Mittelalter
    im Gebrauch siehe „Lucy de Cattenom“.

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