Zu Schreibweise und Auswahl der Belege siehe die allgemeine Anmerkung am Ende des Textes.

Als Kinegramme bezeichnet man in der modernen Phraseologieforschung konventionalisierte Verbalisierungen von nonverbalem Verhalten. Wenn wir beispielsweise jemanden um eine Auskunft bitten, der Angesprochene jedoch stumm bleibt und bloß d’Schëlleren eropzitt, verstehen wir dennoch seine Antwort: er kann oder mag uns nicht weiterhelfen, wir scheinen ihm gleichgültig zu sein. Oder wenn wir etwas vermeintlich Interessantes erzählen und unser Gegenüber d’Ae verdréit, erfahren wir, dass wir unserem Gesprächspartner mit unserer Geschwätzigkeit auf die Nerven gehen. Wenn uns aber jemand d’Äerm entgéint streckt, sind wir ihm so sympathisch, dass er uns am liebsten umarmen möchte.

Kinegramme (die Bezeichnung setzt sich zusammen aus den griechischen Wortstämmen kinet/kines ‚bewegen’ und gramm ‚Geschriebenes’) können leicht zu Missverständnissen führen, wenn man die jeweilige Konvention nonverbalen Verhaltens nicht zu interpretieren vermag, etwa in einer ungewohnten kulturellen Umgebung im Ausland oder in einer fremden ethnischen Gruppe. Die wohl bekannteste Quelle körpersprachlichen Missverstehens ist das Kopfnicken, das in den meisten europäischen Ländern Bestätigung bzw. Zustimmung bedeutet, in Albanien, Bulgarien, Griechenland und Indien jedoch genau das Gegenteil ausdrückt, nämlich Ablehnung bzw. Verneinung. Und umgekehrt bedeutet das Kopfschütteln hierzulande Ablehnung, mancherorts wie in Bulgarien, Finnland, Indien, Nordgriechenland und Sri Lanka dagegen Zustimmung.

Das korrekte Interpretieren von nonverbalem Verhalten setzt also kulturelles Wissen voraus, und so verwundert es nicht, dass Kinegramme beim Fremdsprachenerwerb eine wichtige Rolle spielen, vor allem beim Sprachunterricht für ZuwanderInnen, die sich in ihrer neuen Heimat nicht nur sprachlich, sondern gesamtkulturell integrieren sollen. In den Lehrmaterialien für Luxemburgisch als Fremdsprache, die in erster Linie für den Unterricht in heterogenen Gruppen von potentiellen ZuwanderInnen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, unterschiedlichen Alters und Bildungsniveaus konzipiert sind, werden Kinegramme in der Regel eher vernachlässigt. Das am häufigsten verwendete Lehrwerk Lëtzebuergesch fir all Dag (erschienen 2000-2002) misst Kinegrammen allerdings eine größere Bedeutung zu und führt sie auch auf der metasprachlichen Ebene im Rahmen einer Lerneinheit zum Thema Gesondheet – De Kierper ausführlich ein (Bd. 2, S. 46-55, also für bereits fortgeschrittenere Lernende). Unter mehreren Übungen, die das spielerische Erlernen von Kinegrammen zum Ziel haben, findet sich eine Aufgabe, bei der Gesten und Mimiken ihren Bedeutungen zugeordnet werden sollen. Es ist zu erwarten, dass die Lernenden je nach ihrer Herkunft und ihrem Vorwissen unterschiedlich große Schwierigkeiten beim Lösen der Aufgabe haben. Und selbst MuttersprachlerInnen bereitet es gewisse Mühe … ganz so selbstverständlich scheinen auch sie nicht über das kulturelle Wissen zu verfügen, das sich ZuwanderInnen aneignen sollen. Doch versuchen Sie selbst einmal, die Übung zu lösen.

Jutta Schumacher

Quelle: Lëtzebuergesch fir all Dag, Luxembourg 2001, Bd. 2, S. 54

Quelle: Lëtzebuergesch fir all Dag, Luxembourg 2001, Bd. 2, S. 54

Typ: Kinegramm
Quelle: Centre de Langues Luxembourg (Hg.): Lëtzebuergesch fir all Dag, Lehrbuch Teil 2: Lektiounen 9-16, Luxembourg: Ministère de l’Education Nationale 2001, S. 54.

Allgemeine Anmerkung:

In der Rubrik Sproch vum Mount des Projekts DoLPh werden luxemburgische Redewendungen allgemeinverständlich in 400-Wort-Artikeln erklärt. Die Schreibweise der Belege richtet sich nach der jeweiligen Orthographie in den Originaltexten und historischen Wörterbüchern, aus denen sie entnommen sind, und ist nicht an die reformierte neue Rechtschreibung angeglichen. Somit wird der sprachhistorischen Ausrichtung des Projekts Rechnung getragen und verhindert, dass vom Sprachgebrauch in älteren Quellen irrtümlich auf die Verwendung im rezenten Luxemburgischen geschlossen wird. 

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