Bei Kierfecht handelt es sich um den im Luxemburgischen gängigen Begriff für ‘Friedhof’. Im Luxemburger Wörterbuch erscheint der Ausdruck noch in der älteren Schreibweise als Kiirfecht. Daneben existieren die Varianten Kiirfech sowie lokal Kiirfënt, Kerfech, Käerfecht, Kërfech, Kërwech (vgl. LWB).

Die Etymologie von Kierfecht ist nicht zweifelsfrei geklärt. Im LWB wird der Begriff von Kirchberg hergeleitet, doch der Weg von Kirchberg zu Kierfecht lässt sich lautlich schwer nachvollziehen. Man fragt sich nämlich, wie das b von –berg zu f werden konnte und warum das r geschwunden ist. Gegen die Entwicklung Kirchberg > Kierfecht spricht außerdem, dass der Ausdruck Kirchberg im Luxemburgischen sowohl als Appellativ als auch als Name bis heute existiert und eben nicht zu Kierfecht wurde (vgl. LWB).

Bevor uns dem etymologischen Problem von Kierchfecht eingehender widmen, wollen wir einen Blick über die Grenzen Luxemburgs hinauswerfen. Dem Rheinischen Wörterbuch (RhWB) und dem Wörterbuch der deutschlothringischen Mundarten (LothrWB) ist zu entnehmen, dass der Begriff, neben zahlreichen Varianten, auch in anderen moselfränkischen Idiomen vorkommt. Speziell im RhWB sind die Typen Kirfich, Kirchficht und Kirfent mitunter für den unmittelbaren Grenzraum zu Luxemburg angegeben und es ist eine äußerst kleinräumige Verteilung der Varianten festzustellen. Mancherorts gilt neben Kirfecht auch Kirchef, das aus Kirchhof stammt; und vereinzelt ist Kirchof die ausschließliche Form (vgl. RhWB).

Doch auch bereits im RhWB wird, wie im LWB, Kierfecht inklusive Varianten mit Ausnahme von Kirchef als Abwandlung von Kirchberg interpretiert. Dass dies nicht der Fall sein kann, wurde oben bereits erläutert.

Vielmehr ist anzunehmen, dass Kierfecht eine Sonderentwicklung aus Kirchhof darstellt. In der Tat weist das LothrWB auf die richtige etymologische Fährte. Kirchhof für den Friedhof ist nämlich in den Mundarten Deutschlothringens der geläufigste Ausdruck, aber auch die Varianten Kirfech, Kirfich und Kerfich, die somit genau lb. Kierfech entsprechen, kommen vor (vgl. LothrWB).

Wie darf man sich nun die Entwicklung von Kirchhof zu Kierfech > Kierfecht und weiter zu Kierfent im Einzelnen vorstellen?

1. Kirchhof wurde durch Abschwächung der Nachtonsilbe zu Kirchef. Belege für diese Abschwächung finden sich im RhWB und im LothrWB.

2. Kirchef wurde durch Umstellung von ch und f (Metathese) zu Kirfech. Der Grund für die Metathese ist allerdings unklar, zumal Kirchef durchaus aussprechbar wäre und auch der Silbenstruktur des Luxemburgischen entspräche: vgl. lb. z. B. Dueref ‘Dorf’, Wollef ‘Wolf’. Jedoch ist der Ausgang -ech und auch -eg im Luxemburgischen weitaus häufiger: vgl. z. B. lb. Dollech ‘Dolch’, Kielech ‘Kelch’, Kirech ‘Kirche’, Biereg ‘Berg’.

3. Kierfech wurde durch fakultative Anhängung von t (Epithese) zu Kirfecht. Damit hat das Wort denselben Ausgang wie z. B. Aarbecht ‘Arbeit’, Heemecht ‘Heimat’, Wouerecht ‘Wahrheit’ angenommen. Die t-Epenthese in Kierfecht ist insofern auffällig, als der Ausgang -echt ansonsten typisch für Feminina und weniger für Maskulina ist.

4. Ein weiterer fakultativer Vorgang ist der Wechsel zwischen den Ausgängen –echt und –ent: Kierfecht > Kierfent. Diesen Wechsel kennen wir auch von Begriffen wie Halschecht, Halschent ‘Hälfte’ oder Fuesent, Fuesecht ‘Fasnacht’. Doch wie die t-Epenthese ist auch dieser Wechsel auffällig, da er ansonsten nur bei Feminina zu beobachten ist.

{xtypo_sticky}Abschließend darf nun Folgendes festgehalten werden: Der Begriff Kierfecht stellt eine Sonderentwicklung aus Kirchhof und weniger aus Kirchberg dar. Diese Sonderentwicklung lässt sich zwar lautgeschichtlich nachvollziehen, doch die genauen Gründe hierfür sind nicht in jedem Fall klar.{/xtypo_sticky}

Untenstehende Abbildung: Grabstein auf einer Kappellenmauer in Herzig/Hachy, Areler Land, errichtet 1819, mit folgender Inschrift: „Hier ruhet den Ehrwürdigen Jean Nicolas Kemp, geboren den 22. Dezember 1801 und zum Priester geweiet zu Namur 1832, gewesene Pastor zu Sis und gestorben den 6. Juni 1854 [?]“.

Cristian Kollmann

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