Mit Stierchen m. bezeichnet man im Luxemburgischen eine Steinbrücke über die Alzette in Luxemburg-Grund. Dieser Name gibt ein etymologisches Rätsel auf, das nicht einfach zu lösen ist. Von den Luxemburgern wird er spontan mit dem homophonen Begriff stadtluxemburgisch Stierchen ‘Sternchen’ in Verbindung gebracht, dem gemeinluxemburgisch Stäerchen entspricht (vgl. WLM). Doch es stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang ein kleiner Stern als Benennungsmotiv gedient haben könnte bzw. ob es sich bei der Interpretation Stierchen = Sternchen nicht vielmehr um eine Volksetymologie handeln könnte. Wenn dies der Fall ist, was für eine Etymologie könnte sich dann alternativ anbieten?

Das Hauptproblem beim Namen Stierchen besteht darin, dass es bislang an alten historischen Belegen mangelt, die die Suche nach einer möglichen Ursprungsform erleichtern würden. Beispielsweise finden wir erst im Jahr 1847 in einem französischen Kontext einen Beleg lieu dit auf dem Sterchen. Dieser Beleg weicht von der heutigen Form Stierchen nicht erheblich ab. Ein weiterer Beleg, ebenfalls mit einfachem e in der Tonsilbe, findet sich in Sterchesgêscht, dem Namen für ein Gespenst, das in der Nähe der Brücke sein Unwesen zu treiben pflegte. Die modernen Schreibungen hierfür lauten Stierchesgeescht. Zwar ist die Beleglage äußerst dürftig, doch sie zeigt immerhin, dass der Diphthong ie rezent ist und aus e entstanden ist. Mit e > ie handelt es sich um einen Wandel, der auch sonst im Luxemburgischen anzutreffen ist, doch ist dieser speziell vor r im Stadtluxemburgischen am konsequentesten durchgeführt. Während wir nämlich im Gemeinluxemburgischen oft ä (vor einfachem r im Auslaut) bzw. äe (vor r + Konsonant) haben, findet sich im Stadtluxemburgischen meist ie: vgl. gemeinlb. Stär = stadtlb. Stier (LWB); gemeinlb. Häerz = stadtlb. Hierz (LWB); gemeinlb. Gäertner = stadtlb. Giertner (LWB). Das Verhältnis zwischen Sterchen und Stierchen ist also dasselbe wie zwischen den genannten Appellativa. Nach der modernen luxemburgischen Rechtschreibung würde Sterchen somit gemeinlb. als Stäerchen erscheinen, und damit wäre der Name lautlich und orthographisch identisch mit dem Appellativ gemeinlb. Stäerchen ‘Sternchen’. Dass der Name von ‘Sternchen’ kommt, ist somit zwar, wie gezeigt wurde, aus lauthistorischer Sicht möglich, doch aus semantischen Gründen eher unwahrscheinlich. Aus diesem Grund soll nun folgende alternative Etymologie angeboten werden.

Im Luxemburgischen kann äe bzw. ie in dieser speziellen Position vor r auch für mhd. ö stehen. Dies zeigt z. B. das Appellativ gemeinlb. Päertchen, stadtlb. Piertchen < *Pörtchen als Diminutiv zu gemeinlb. Paart, stadtlb. Puert ‘Tor, Stadttor, Pforte’ < mhd.-wmd. porte (vgl. LWB). Ein weiteres Beispiel für den Wechsel zwischen äe, ie < ö ist lb. Knäerchen, Knierchen < *Knörrchen als Diminutiv zu lb. Knarr, Knuer ‘Knorren’ (LWB). Unter der Prämisse, dass es sich beim ie in Stierchen ebenfalls um ein altes ö handeln könnte, wird man auf der Suche nach einem entsprechenden Wort mit mhd. ö in der Tat umgehend fündig: Denkbar wäre eine Diminutivbildung zu mhd. storre m. ‘Baumstumpf, Klotz’ (Lexer). In westmitteldeutschen Mundarten begegnet dieser Begriff beispielsweise als rhein. Storren ‘Ast-, Baumstumpf’ (RhWB) und pfälz. Storren ‘starrer, verholzter oder steifer Pflanzenstumpf mit abgehauenem, abgebrochenem Ende’ (PfWB). Auch im Standarddeutschen kommt das Wort vor, und zwar ebenfalls als Storren m. ‘Baumstumpf, dürrer emporragender Ast’ (DWB). Im Appellativschatz des Luxemburgischen findet sich von mhd. storre kein direkter Reflex. Dieser müsste, entsprechend lb. Knarr, Knuer ‘Knorren’ < mhd. knorre m. (Lexer), lb. *Starr oder *Stuer lauten. Vielmehr findet sich im Luxemburgischen das mit k erweiterte Substantiv Stuerek m. ‘Baumstamm’ (LWB). Diesem entspricht rhein. Stork m. ‘Baumstumpf’ (RhWB), und es handelt sich somit um eine wohl erst regionalsprachliche Erweiterung von mhd. storre.

Nun kann angenommen werden, dass mhd. storre früher weiter verbreitet war, demnach auch im Gebiet des heutigen Luxemburg. Eine entsprechende Diminutivbildung musste mhd.-md. *störrechīn ‘kleiner Baumstumpf’ lauten. Es wäre denkbar, dass noch im Spätmittelalter in der Nähe der heutigen Brücke ein auffälliger Baumstamm (der Rest einer Palisade?) das Landschaftsbild prägte und dieser zum Benennungsmotiv für die betreffende Stelle wurde. Zu Grunde läge somit ursprünglich eine Stellenbezeichnung mhd. *bī dëme Störrechīn ‘bei dem kleinen Baumstumpf’. Alsbald konnte der Flurname auf das umliegende Gelände übertragen werden, demzufolge es zum Wechsel der Präposition kam: *op dëme Störrechīn, d. h. damit war nunmehr das Gelände gemeint, auf dem sich der kleine Storren befand. In einem nächsten Schritt konnte der Name dann auch auf die Brücke übergehen. Mit de Stierchen, um Stierchen ist im heutigen Sprachgebrauch nämlich in erster Linie die Brücke und weniger die Stelle insgesamt gemeint.

Soweit die mögliche semantische Entwicklung des Namens. Seine lautliche Entwicklung ist dagegen mit jener von dem bereits oben genannten Wörtern *Pörtchen und *Knörrchen vergleichbar und demnach folgende: Mhd. *Störrechīn konnte durch Kontraktion *Störchen und durch Entrundung von ö zu e Sterchen ergeben. Auf der Stufe von Sterchen, so 1847 belegt, wurde der Name im Luxemburgischen mit dem Wort für ‘Sternchen’ homonym und schloss sich diesem in der weiteren lautlichen Entwicklung an.

Der vorgebrachte Deutungsvorschlag des Namens Stierchen beruht schwerpunktmäßig auf lauthistorischen sowie sprachvergleichenden Überlegungen und fällt damit, mangels historischer Quellen, zugegebenermaßen zum Großteil in den Bereich der Konstruktion. Sollten sich ggf. spätmittelalterliche Belege mit ö finden lassen, würden diese entscheidend zu einer größeren Wahrscheinlichkeit der hier vorgeschlagenen Etymologie beitragen.

Cristian Kollmann

Är Commentairen