„Am 10. September 1893 sah Luxemburg ein Schauspiel wie es rührender kaum gedacht werden. Vom hohen Turm der Kathedrale wimmerten im trüben Sommernachmittage die Glocken und durch die Strassen der Stadt bewegte sich ein endlos scheinender Zug, dem ein mit Blumenkränzen überladener Todtenwagen folgte. (…) Alle Vereine der Stadt und Umgebung waren vertreten, sogar aus weiter Ferne waren vollzählige Vereine und Deputationen mit ihren Fahnen herbeigeeilt. Seit dem Hingange des seligen Erzbischofs ADAMES hatte Luxemburg kein solches Begräbnis mehr geschaut. In die ersten Weisen der Trauerlieder mischten sich die wehmütigen Klänge der Trauermärsche und als der unabsehbare Zug durch die Strassen der Stadt zog, mit ehrfurchtsvollem Schweigen begrüsst von einer nach Tausenden zählenden Volksmenge, da sah man in den Augen Vieler stille Thrähnen blicken.“1 So berichtet ein Zeitzeuge in einer Publikation zu Ehren des Verstorbenen. Das Luxemburger Wort nennt die Namen und die Reihenfolge der 28 Vereine der Stadt Luxemburg und Umgebung, beginnend mit dem Feuerwehr-Corps der Section A und endend mit der Gym und der Associations des anciens soldats néerlandais.2

Doch wer ist der Nationalheld, vor dem sich die aus allen Ecken des Landes geschickten Fahnen verneigen, während sein in eine Luxemburger Fahne gehüllter Leichnam in die Erde versenkt wird? Es ist kein Staats- und kein Kirchenmann, kein Fürst und kein Großherzog, sondern ein Dichter: Michel Lentz, der Autor der beiden Hymnen Feierwon und Heemecht und zahlreicher Gedichte. Bereits zu Lebzeiten war er als Nationaldichter anerkannt, besonders seit im Oktober 1884 das fünfundzwanzigjährige Jubiläum des Feierwon festlich begangen wurde. Damals war es Paul Eyschen, der unter dem Pseudonym Paolo den Dichter in einer Sondernummer des „Luxemburger Land“ (Beilage zu No.41, 12. Oktober 1884) feierte und am Sarg war es derselbe mittlerweile Regierungspräsident gewordene Eyschen, der die Trauerrede hielt.

Am heutigen Jahrestage des Staatsbegräbnisses soll an diese Festlichkeit als eine der frühen Inszenierungen des sich langsam herausbildenden Nationalbewusstseins und an diese Rede erinnert werden. Außergewöhnlich war, dass sie auf Luxemburgisch gehalten wurde, während damals die Domäne der offiziellen Ansprachen dem Französischen als eigentlicher Staatsprache des Großherzogtums vorbehalten war. Ihr Inhalt gibt zudem Aufschluss über den Stellenwert, der dem Luxemburgischen im Prozess des Nationbuilding zukommt. In einem zentralen Satz wird die literarische Produktion der beiden „Nationaldichter“ Lentz und Dicks als Arbeit an der Sprache gewürdigt, während Michel Rodange, mit seinem aufmüpfigen, nicht für nationale Beweihräucherung geeigneten Rénert unerwähnt bleibt. Die literarische Produktion sowie die Schriftsprachlichkeit überhaupt sind für den Redner Voraussetzung für den Übergang vom Dialekt zur Nationalsprache.

Mir danken em och fir dât Stéck Arbécht fu fofzég Jôr, wê hien, ewê den Dicks, un onser hârder Sprôch gehummert huot a gefeilt, fir draus ên eisene Réef ze schmieden, em d’letzeburger Vollek. Haut ass ons Sprôch, zenter dass se geschriwe get a gedréckt, dât Band, wât d’Letzeburger och fir d’Zuokonft; zesummen hèllt: Arem a Reich hei am Land, an och all dê dobaussen, dê zu Pareis schaffen a sangen an hire Mansardskimmercher, an dê do schaffen a sangen an de Farmen an Nordamerika. 3

Ohne den Begriff zu gebrauchen, definiert der Redner, was eine Nationalsprache ist: das Band, das die nationale Gemeinschaft über die sozialen Gegensätze hinweg und sogar die Auswanderer mit einbeziehend zusammenhält.

Die spontane Begeisterung der Bevölkerung für den Dichter fußt hauptsächlich auf der 1859 geschriebenen Hymne, die die Eröffnung der Eisenbahnen – der „Straße aus Eisen“ – als Aufnahme der Luxemburger in den großen Bund der Völker feiert. Diese Intention des Dichters sowie der ursprüngliche Titel „D’Letzebûrger“ des als „De Feierwon“ bekannten Liedes sind heute in Vergessenheit geraten. Nicht zufällig ist es Paul Eyschen, der langlebigste Ministerpräsident (1888-1915), der diese Begeisterung aufgreift, passt sie doch in seine Politik. Mit wechselnden Mehrheiten, ohne Rückhalt einer eigenen Basis, treibt er den Ausbau des Staatsapparates und dessen Infrastrukturen voran. Denis Scuto schreibt:4 „C’est sous Eyschen que l’Etat se modernise et se transforme profondément. Corollaire inévitable de l’essor économique et des interventions sociales du gouvernement, les hautes fonctions, comme les administrations, se développent et se spécialisent.“

Dass das nationale Bekenntnis von Eyschen am Grabe des Dichters nicht mit einer Abschottung zum Ausland einhergeht, zeigt seine von Scuto beschriebene liberale Position in der Frage des Staatsbürgerschaftsrechts, die auf seinem Bewusstsein beruhte, dass Luxemburg ein offenes, kleines, sowohl auf das wirtschaftliche als auf das intellektuelle Kapital von außen angewiesenes Land war.5

Seine Rede, besonders der Stellenwert, den er dem Luxemburgischen beimaß, sollte nicht unwidersprochen bleiben … (Fortsetzung folgt).
 
 

Fußnoten:

 
1) Spedener, Gregor (1895): Lentz : ein Gedenkblatt an unsern Nationaldichter. Esch a.d. Sauer: Selbstverlag des Hrsg. [Druckerei P. Worré-Mertens, Luxemburg]. Hier S. 5 und 11.

2) Rundschreiben an die Gesellschaften und Vereine der Stad Luxemburg und Umgebung, veröffentlicht im Luxemburger Wort, Samstag 9. September, S.4.

3) Der Text findet sich auch im Luxemburger Land in Wort und Bildin einer anderen, typographisch anspruchsvolleren Schreibung, die sicher den Intentionen des Autors näher kommt, auf die die Setzer der Tageszeitung sich aber nicht einlassen konnten oder wollten. Man findet z.B. das umgedrehte Zirkumflex (Hatschek) Zǒkonft, Èddě und ein die beiden Vokale der Diphthonge ei, uo und ie überdachendes Zirkonflex.

4) Scuto, Denis (2012): La nationalité luxembourgeoise, XIXe-XXIe siècles. Histoire d’un alliage européen. Bruxelles: Université de Bruxelles. S. 44.

5) Ebd. S. 128.

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