Dieser dritte Teil der Diskussion der luxemburgischen Vokale widmet sich den Diphthongen. Das Luxemburgische verfügt mit seinen acht Diphthongen über ein reiches Inventar dieser Lautkategorie (nicht mitgezählt ist der Lehndiphthong [ɔɪ̯] wie in Europa, Euro). Die Diphthonge sind sämtlich fallend, d.h. der erste Bestandteil (Onset) bildet den Silbenkern, während der zweite Bestandteil (Offset) unsilbisch ist.

Graphem
Phonem
<ie>
/iə/
<ue>
/uə/
<éi>
/ei/
<ou>
/ou/
<ai>/<ei>
/ɑɪ/
<äi>
/æɪ/
<au>
/ɑʊ/
<au>
/æʊ/

Manchmal wird – irrigerweise – auch für das (häufige) Wort Moien ein Diphthong (etwa [ɔɪ̯] bei Schanen/Zimmer 2006) angesetzt, doch handelt es sich dabei um eine auf zwei Silben verteilte Vokal + Gleitlaut-Verbindung, die nicht als Diphthong klassifiziert werden kann. Folgende Tabelle präsentiert die Diphthonge in phonologischer Notation zusammen mit der graphemischen Umsetzung (vgl. Gilles/Trouvain submitted). Die Darstellung in Schanen/Zimmer (2006) ist fehlerhaft (falsche Vokalqualitäten, Unterschlagung der Überlänge, falsche Symbolverwendung), da sie offensichtlich wohl am Standarddeutschen orientiert ist und die autonome phonetisch-phonologische Struktur des Luxemburgischen nicht zur Kenntnis nimmt.

Da in der symbolphonetischen Darstellung lediglich Anfangs- und Endpunkt der diphthongischen Bewegung erfasst werden kann, bleibt der tatsächliche, artikulatorische Bewegungsverlauf unklar. Er kann jedoch durch eine akustische Analyse sichtbar gemacht werden, wenn die Formantwerte zu festgelegten Zeitpunkten kontinuierlich erfasst werden. Für die nachfolgende akustische Analyse wurden pro Diphthong zwei Belege akustisch vermessen, indem die Werte für den ersten (F1) und zweiten Formanten (F2) alle 10 Millisekunden erfasst wurden. Wenn beispielsweise ein Diphthong die Länge von 100 ms aufweist, dann können die beiden Formantwerte an den Zeitpunkten 0, 10, 20, 30 … 100 ms ermittelt werden. Die Anzahl der Messpunkte richtet sich also nach der tatsächlichen Dauer des Diphthongs geteilt durch 10. Durch die Darstellung der Messwertpaare im bekannten F1/F2-Diagramm wird die akustische Bewegung und damit auch die artikulatorische Bewegung der Zungendimensionen visualisiert.

Folgende Abbildung zeigt die acht Diphthonge in jeweils zwei Beispielwörtern im Bark-skalierten, akustischen Vokalraum. Zur besseren Orientierung über die Lage der Diphthongbewegung sind zusätzlich die Mittelwerte einiger Monophthonge in die Formantkarte eingetragen.

Erkennbar sind die Bewegungen der Diphthonge einerseits an den Außenbereichen des Vokalvierecks (für /ɑɪ̯, æɪ̯, ɑʊ̯, æʊ̯/) sowie die Diphthonge, die entweder aus dem Zentrum heraus (/ei, ou/) bzw. hinein (/iə, uə/) artikuliert werden. Zur besseren Erkennbarkeit werden in den folgenden Abbildungen Diphthongpaare getrennt behandelt.

Für /ɑɪ/ lässt sich schön erkennen, dass der Startpunkt ziemlich genau in der Region des Monphthongs [ɑ] liegt. Nach einer kurzen Phase in dieser Region steigt der Diphthong schnell an und bewegt sich nach vorne und oben, um in der Region von [e:] seinen Endpunkt zu finden. Der Startpunkt des /æɪ/ deckt sich gut mit dem Monophthong [æ] (und nicht, wie häufig angenommen, mit [ɛ]). Erkennbar ist auch, dass sich hier viele Messpunkte auf engstem Raum befinden, was auf ein Verweilen der Artikulation bei dieser Vokalqualität hindeutet, was in der Transkription durch Halblänge des Onsets ausgedrückt wird ([æˑɪ̯]). Diese Überlänge von /æɪ/ (und ebenso diejenigen von /æʊ/, s.u.) wird in den phonetisch-oberflächlichen Darstellungen oft ignoriert. Nach diesem langen Onset setzt eine schnelle Bewegung ein, erkennbar daran, dass die einzelnen Messpunkte weit auseinander liegen. Der Endpunkt dieses Diphthongs befindet sich ebenfalls im [e:]-Bereich, erreicht also seinen eigentlichen Zielpunkt im [i]-Bereich nicht.

Spiegelbildliche Verhältnisse finden wir für /ɑʊ/ und /æʊ/: Ersterer beginnt wieder im [ɑ]-Bereich und endet zwischen [o:] und [u:]. Bei /æʊ/ ist wiederum die längere Verweildauer auf dem Startpunkt im [æ]-Bereich charakteristisch, bevor die schnelle Bewegung einsetzt. Die Kennzeichnung der Länge durch [ˑ] ist daher gerechtfertigt. Insgesamt zeigt sich, dass [æˑɪ̯] und [æˑʊ̯]  jeweils im [æ]-Bereich beginnen, ihr Onset ist weit von [ɛ] entfernt. Transkriptionen wie [ɛI], [ɛU] (Schanen/Zimmer 2006) sind inkorrekt.

Die beiden Diphthong-Trajektorien für /ei/ zeigen nicht den gleichen Onset: Während fréi ‚früh‘ in der Schwa-Region beginnt, startet der Diphthong von schéin ’schön‘ in der Nähe von [ɛː] und müsste als [ɛi̯ˑ] oder [ɜi̯ˑ] transkribiert werden. Beide Realisierungen steigen dann entlang der peripheren Schiene des Vokalsyststems an. Es scheint damit, dass luxemburgisches <éi> offensichtlich doch weniger zentriert realisiert wird, als gemeinhin angenommen. Ein Onset in der [e]-Region, wie es die orthographische Umsetzung als <éi> nahelegen würde, ist jedoch grundsätzlich ausgeschlossen. Deutlicher als <éi> beginnt hingegen /ou/ mit einem Schwa-artigen Vokal: Die Startpunkte für Schoul ‚Schule‘ und Occasioun ‚Gelegenheit‘ befinden sich in der Nähe von Schwa, werden jedoch leicht velar realisiert. Besonders für /ei/ zeigt sich, dass die Startphase sehr kurz ist und schnell ausgeführt wird, wohingegen die Endbewegung durch ein monophthongisches Verweilen in der [iː]-Region gekennzeichnet ist. Für /ou/ stellt sich dies etwas anders dar, doch auch hier befindet sich die längste Dauer des Diphthongs in der Endphase im [o/u]-Bereich. Der auffällige ‚Haken‘ repräsentiert eine leicht zentralisierende Bewegung im [o/u]-Bereich, sodass hier fast eine triphthongische Bewegung vorliegt. Generell enden diese beiden Diphthonge jedoch deutlich geschlossener als /ɑi, ɑʊ, æɪ, æʊ/. Die akustische Analyse legt damit eine symbolphonetische Transkription der Form [ɛi̯ˑ]/[əi̯ˑ]/[ɜi̯ˑ] bzw. [əu̯ˑ] nahe, in der die längere Offset-Phase durch das Halblängenzeichen [ˑ] ausgedrückt wird (wobei allerdings problematisch ist, den relativ langen Offset als unsilbischen Bestandteil des Diphthongs anzusehen). Es bleibt weiter zu erforschen, ob sich /ei, ou/ von ursprünglich fallenden zu steigenden Diphthongen [ɛ̯iˑ, ə̯iˑ, ə̯u] und dann zu Monophthongen [i:, u:], die als Dialekt- und Allegro-Formen bereits existieren, weiterentwickeln.

Für /iə/ lässt sich der Startpunkt in der [iː]-Region gut feststellen, danach findet eine öffnende und leicht zentralisierende Bewegung statt, die in der Region zwischen [ɛ] und [ə] endet ([iɛ̯] oder [iə̯]). /uə/ beginnt nicht wirklich im [uː]-Bereich, sondern vielmehr in der Nähe von [o:] und danach findet eine zentralisierende Bewegung statt, bei der sich die Zunge nur wenig absenkt ([uə̯]). Insgesamt lassen sich /iə, uə/ damit als akustische Spiegelbilder von /ei/ und /ou/ beschreiben.

Basierend auf dieser akustischen Analyse können folgende revidierte symbolphonetischen Repräsentationen der luxemburgischen Diphthonge angesetzt werden:

Graphem
Phonem
phonetische Realisierung
<ie>
/iə/
[iɛ̯] [iə̯]
<ue>
/uə/
[uə̯]
<éi>
/ei/
[ɛi̯ˑ] [ɜi̯ˑ] [əi̯ˑ]
<ou>
/ou/
[əu̯ˑ]
<ai>/<ei>
/ɑɪ/
[ɑe̯]
<äi>
/æɪ/
[æˑe̯]
<au>
/ɑʊ/
[ɑo̯]
<au>
/æʊ/
[æˑo̯]

 

Literatur

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