Nicht nur unterscheidet sich das Luxemburgische etwa vom Deutschen hinsichtlich der Anzahl und Typen von Vokalen, sondern insbesondere in der Realisierungsweise einzelner Vokale. Diese teilweise feinen phonetischen Unterschiede lassen sich oft durch die Symbole des internationalen phonetischen Alphabets nur umständlich wiedergeben. Erst durch die Analyse der akustischen Struktur kann die exakte Lage von Vokalen im akustischen Raum bestimmt werden und auf die artikulatorische Dimension projiziert werden. In der üblichen Weise werden im Folgenden daher auch die Formantkarten, in denen die beiden ersten Formanten (F1 und F2) als wichtigste akustische Kenngrößen von Vokalen dargestellt sind, so orientiert, dass die vertikale Frequenzachse des F1 den Öffnungsgrad des Vokals repräsentiert (niedrige F1-Werte entsprechen geringem Öffnungsgrad, i.e. i, u, hoher F1 entspricht weitem Öffnungsgrad, i.e. a) und die horizontale Frequenzachse des F2 die artikulatorische Dimension der Zungenlage repräsentiert (niedriger F1 = hinterer Vokal, i.e. u, o, hoher F2 = vorderer Vokal, i.e.  i, e). Darüber hinaus können so auch die Streubereiche von Vokalrealisierungen sichtbar gemacht werden, die entweder auf Kontexteinflüsse der umgebenden Konsonanten oder – weitaus interessanter – auf momentan ablaufenden Lautwandel hindeuten (vgl. Gilles/Kellermann 1997, Gilles 1999 sowie die zahlreichen Arbeiten von William Labov).

Für die Aussprache des älteren Luxemburgischen steht mit der Untersuchung von Keiser-Besch (1976) die erste Formantkarte zur Verfügung, die als Kontrastfolie zur heutigen Aussprache verwendet werden kann. Das Monophthongsystem in dieser Abbildung zeigt einige Besonderheiten:

  • Die Paare /i/-/ɪ/ und /u/ – /ʊ/ liegen sehr dicht beeinander (etwa im Vergleich zum Deutschen) und es kann davon ausgegangen werden, dass die Vokalqualität perzeptiv weitgehend identisch ist und die Vokalpaare nur in ihre Länge differieren. Angemesserene phonetische Symbole wären daher /i:/ – /i/, bzw. /u:/ – /u/.
  • Auch /e/ = [e:] und /o/ = [o:] werden sehr geschlossen realisiert und sind akustisch von den i– bzw. u-Vokalen kaum zu unterscheiden (vgl. Gilles 1999, wo diese Schließungstendenz als Kettenschub interpretiert wird).
  • Der Kurzvokal [ɔ] erscheint überaus offen.
  • Die offenen Vokale [ɛ], [a:] und [ɑ] befinden sich sehr nahe beieinander.
  • Durch das stark geschlossene [e:] und das überoffene [ɛ], das besser als [æ] transkribiert werden sollte, erscheint der Bereich der vorderen Vokale sehr asymmetrisch: Nahezu der gesamte Bereich des Formanten F1 von 380 bis 650 Hertz ist im Luxemburgischen ungenutzt.

akustisches Vokalsystem des Luxemburgischen (aus Keiser-Besch 1976)

Die folgende Abbildung zeigt das Monophthongsystem eines jungen Sprechers von heute. Dargestellt sind hier keine Mittelwerte sondern die Messwerte der einzelen Vokalrealisierungen, die dann als Wolken von Symbolen erscheinen. So werden die kontextuell bedingten Streubereiche der Realisierungen sichtbar. Im Vergleich zur Untersuchung von 1976 sind folgende Beobachtungen wichtig:

  • Die Realsierungen von [e:] und [o:] sind noch geschlossener und vermischen sich mit denen für kurzes [i] bzw. [u].
  • Kurzes [ɔ] liegt nun näher am langen [o:] und es wäre besser, auch hier das phonetische Symbol [o] zu verwenden. Aus diesem Grund erscheint es angebracht, von einer Längenopposition /o:/ -/o/ auszugehen.
  • Zwar liegen die Realiserungen für [a:] und kurzes [ɑ] noch nebeneinander, doch zeigt [ɑ] eine Hebungstendenz (‚Verdumpfung‘) und nähert sich kurzem [ɔ, o] an.
  • [e] zeigt sich weit gestreut: einerseits als zentralisierte Variante vom langen [e:] (in den Wörtern agewéckelt, sech, deejéinege), wodurch es zum Zusammenfall mit den Schwa-Realisierungen kommt und andererseits deutlich offener (in den Wörtern Méck, kéng).
  • Die Zentralvokale [ë] und [ə] weisen erwartungsgemäß eine große Streuung im zentralen Bereich des Vokaldreicks auf. Dabei scheinen sie stärker zu den hinteren  als zu den vorderen Vokalen zu tendieren. Eine klare Trennung zwischen [ë] (in betonten bzw. Stammsilben, Allophon zu /e/) und [ə] kann nur für wenige Exemplare festgestellt werden.
  • [ɛ] hat sich noch weiter gesenkt und befindet sich nun auf derselben Höhe (d.h. wird mit demselben Öffnungsgrad realisiert) wie langes [a:]. Korrekter wäre dieser Vokal mit [æ] (oder gar [a]) transkribiert.
  • [ɛ:], das als Allophon von /e:/ zu werten ist und nur vor r vorkommen (Stär, Kären) ist deutlich geschlossener und fällt fast mit zwei Realisierungen von [e] zusammen (Méck, kéng).
  • Spektakulärer jedoch ist die generell weite Mundöffnung der luxemburgischen offenen Vokale. Während 1976 der genutzte F1-Bereich zwischen 280 ([i]) und 730 ([a:]) rangiert, so öffnet sich dieser Bereich heute bis zu 1000 Hz (für [a:]). Damit werden luxemburgische a-Vokale heute deutlich offener (größere Mundöffnung) realisiert. Insgesamt wird das Vokalsystem stärker auseinander gezogen. Diese Beobachtung muss nun anhand der Daten von weiteren SprecherInnen überprüft und untermauert werden.

 

Monophthonge des Luxemburgischen (männlicher Sprecher, junge Generation, Zentralluxemburgisch)

In den nächsten Teilen folgt ein Vergleich mit dem akustischen Vokalsystem des Deutschen und die Diskussion der luxemburgischen Diphthonge.

Literatur

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