Weibliche Rufnamen im Neutrum. Sozio­pragma­tische vs. semantische Genuszuweisung in Dialekten des Deutschen und im Luxemburgischen

wordcloud_hatt_siIn deutschen und luxemburgischen Dialekten kommt es bei der Referenz auf Mädchen und Frauen zu Genus-Sexus-Inkongruenzen, indem (nicht-diminuierte) weibliche Rufnamen häufig ins Neutrum treten (das Anna), in manchen Dialekten ausschließlich, in anderen mit einem Femininum daneben (die Anna). Diese Namenneutra sind bislang komplett unerforscht, in ihrer genauen Verbreitung unbekannt (sie scheinen in einem westlichen Areal entlang dem Rhein vorzukommen mit beachtlicher Nord/Süd-Ausdehnung vom Ripuarischen bis zum Höchstalemannischen) und insgesamt im Abbau begriffen; die jüngeren Generationen benutzen sie selten oder gar nicht mehr. Dabei sind diese Namenneutra prinzipiell nicht negativ konnotiert, auch wenn das Neutrum dasjenige Genus ist, das am stärksten mit Inanimatizität assoziiert ist.

Forschungsprojekt (2015-2018) unter der Leitung von

Prof. Dr. Damaris Nübling (Universität Mainz, PI)

Prof. Dr. Peter Gilles (Universität Luxemburg)

Prof. Dr. Helen Christen (Universität Freiburg, CH) 

Förderinstitutionen

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SNF

 

Ziel dieses Projekts ist 1.) eine Bestandsaufnahme (Verbreitungskarte) des (soweit noch greifbaren) basisdialektalen Neu­trum­areals. Anhand von drei Fragesätzen sollen in ganz Deutschland, Luxemburg und der Deutschschweiz der Definitartikel und das anaphorische Personalpronomen mit Bezug auf eine Frau (Anna) und einen Mann (Georg) abgefragt werden, denn es gibt durchaus Dialekte, in denen zwar der Artikel sexuskongruent feminin ist, aber das Pronomen neutral oder umgekehrt (Typ die Anna/es; das Anna/sie). In manchen Schweizer Dialekten können auch Männernamen ins Neutrum treten. Manchmal bricht die Kongruenz auch beim Possessivpronomen oder einem anderen Genusträger (Target) um (das Anna und ihr Hund). Solche Feinanalysen sind jedoch dem viel umfangreicheren und tiefergehenden, qualitativen Untersuchungsteil vorbehalten, dem 2. Projektziel:

Das gesamte trinationale Areal wird in vier Explorationsgebiete aufgeteilt, in denen an jeweils acht Orten sog. Tiefenbohrungen durchgeführt werden: Pro Ortspunkt werden drei Generationen (mit insgesamt vier Frauen und vier Männern) mit vier Erhebungsmethoden (Bildbeschreibungen, freies Freundesgespräch, Lückentexte, direkte Befragung) auf Personenreferenzen hin (Ruf-, Familien- und auch Verwandtschaftsnamen, Appellative) schriftlich und mündlich befragt. Bei der mittleren Generation wird zudem „mobil“ gegen „ortsfest“ differenziert, um den Einfluss sozialer Faktoren auf den Genusgebrauch ermitteln zu können. Durch die Berücksichtigung von drei Generationen (einschließlich älterer und aktueller Dialektliteratur, Dialektwörterbüchern und ‑gram­matiken) soll eine diachrone Vertiefung erzielt, nach dem Ursprung dieser Neutra gefragt sowie eine diachrone Sukzession der verschiedenen onymischen (Kongruenz-)Systeme rekonstruiert werden. Vor allem soll die genaue Qualität der Genuszuweisung ermittelt werden, die ersten Untersuchungen zufolge von Eigenschaften der Referentin bzw. der sozialen Relation Sprecher/in – Referentin abhängt: Alter(sdifferenz), sozialer Status, Beruf, Duz-/Siez-Relation, Verwandtschaft, Vertrautheit, Familienstand, Ortsansässigkeit etc. Allem Anschein nach handelt es sich um soziopragmatische Genuszuweisungen, die von der internationalen Genusforschung bislang kaum erfasst wurden, aber für die Genusdiskussion von großer Bedeutung sein werden. In vielen Dialekten handelt es sich um ein variables Genus, womit a) Genus wieder funktionalisiert und b) auch optionalisiert wurde (auf ein und dieselbe Frau kann mit zwei Genera referiert werden). Damit steigt Genus in den Rang einer echten grammatischen Kategorie auf; hier liegt eine De- (und evtl. Re-)Grammatikalisierung vor. Am Ende des Projekts soll eine Publikation stehen, die auch Verbreitungskarten enthält.

 

Da der verengte Blick auf Einzeldialekte zu falschen oder zumindest unzulänglichen Erklärungen verleitet (etwa dass diese Neutra Reflex häufiger Namendiminutionen wie das Annchen seien), ist dieses Thema nur als Kooperation zwischen den drei Ländern Deutschland, Luxemburg und Schweiz durchführbar. Es ist kein Gemeinplatz, wenn wir die besondere Dringlichkeit dieses Projekts hervorheben: Für die meisten Dialektgebiete gilt, dass die jüngere Generation diese Neutra vielleicht noch kennt, aber kaum mehr benutzt.

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