Für die Linguistik galt lange Zeit, dass Schrift als graphische Repräsentation von Sprache keine linguistische Relevanz besitze: Die Form eines Buchstabens an sich wäre demnach linguistisch irrelevant und es zählt lediglich, dass die Form eines <a> Distinktivität besitzt, um es von anderen Buchstaben zu unterscheiden. Alle schriftsystematischen und typographischen Aspekte beträfen demnach ausschließlich die ‚Materialität‘ des graphischen Zeichens. Doch wird zunehmend in einer Reihe neuerer zeichen- und medientheoretischer Studien (vgl. ) argumentiert, dass die Materialität der Schrift sehr wohl „relevant ist für die Wahrnehmung und Deutung des Textinhalts“ (). Typografische Gestaltungsbedingungen können also auch als Ausdruck von kulturellen oder politischen Ideologien sein. Der ‚Antiqua-Fraktur-Streit‘ vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jh., um den es am Rande auch in diesem Blogbeitrag gehen soll, ist sicherlich das prominenteste Beispiel; für seine Auswirkungen im Luxemburger Publikations- und Druckwesen vgl. .
Im Folgenden soll es also um die typographische Entwicklung der Hauptüberschrift der ältesten bis heute erscheinenden Luxemburger Tageszeitung, dem ‚Luxemburger Wort‘ gehen, gegründet 1848 aus katholischen Kreisen heraus, nachdem in Luxemburg die Pressefreiheit gewährt wurde. Alle Ausgaben sind als Digitalisate und Volltexte über das eluxemburgensia-Portal der Nationalbibliothek Luxemburg für Forschungszwecke zugänglich. Der Bestand umfasst 132 Jahrgänge (1848 bis 1980) und für die Analyse wurden automatisiert mittels eines Python-Skripts für jeden Monat der Titelkopf (Zeitungskopf, Masthead) der ersten Seite der ersten Ausgabe extrahiert. Das Korpus setzt sich demnach aus 1600 Abbildungen zusammen und die Schrifttype des Zeitungsnamens wurde klassifiziert und ihr Gebrauch in Phasen eingeteilt.
Es lassen sich mindestens fünf verschiedene Schrifttypen unterscheiden, die für bestimmte Phasen im Gebrauch waren und sich teilweise auch abwechseln. Hauptschriftart bis heute ist eine Variante der Fraktur. Im Verlauf des 19. Jh. wurden jedoch auch die von Firmin Didot (1764-1836) entwickelte Didot, eine frühe Grotesk-Variante, die Egyptienne sowie in der Zeit der Nazi-Besatzung eine Antiqua verwendet.
Typographische Phasen
Die folgende Tabelle informiert über die Phasen, in denen die fünf Schrifttypen verwendet wurden. Die Fraktur ist also die konstante Schrift anzusehen, deren Verwendung zeitweilig für einige Jahre von den anderen Schriften unterbrochen wurde.
Schrifttype |
Zeiträume (Haupttitel) |
|
[A] Fraktur |
1848-03-23 bis 1860; 1870 bis 1942; 1944 bis heute |
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[B] Didot |
1860-09-02 bis 1863 |
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[D] Grotesk |
1863-10-01 bis 1864 |
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[C] Egyptienne |
1864-05-01 bis 1870 |
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[E] Antiqua |
1942-03-02 bis 1944-08-01 |
Typographische Zeitschiene
1848-03-23 · [A] Fraktur Verschnörkelte Fraktur als Logotyp, Ähnlichkeiten zur Breitkopf- und/oder Walbaum-Fraktur; Charakteristisch: weit runtergezogener rechter Bogen beim L, zweizüngig auslaufende Oberlänge beim b, l, r-ähnliches x. Der skriptorale Ursprung in der spätmittelalterlichen Textura ist noch gut erkennbar. Deutlich ausgezogene Quadrate mit Haarlinien (u, e, m, r, o, t), Rundbögen laufen in Punktverdickungen aus (L, x, g, W). |
1848-03-23 |
1850-01-02 · [A] Fraktur Angelehnt an die gotische Buchschrift (horizontale in den Versalien L und W, sowie x), Variante mit Schattierung in den Stämmen |
1850-01-02 |
1858-03-03 · [A] Fraktur Leicht vereinfachte Fraktur von 1848 mit weniger Haarstrichen |
1858-03-03 |
1858-04-04 · [A] Fraktur Weitere Vereinfachung der Frakturmerkmale (wenig ausgeprägte Schaftenden, Ober- und Unterlängen) |
1858-04-04 |
1860-09-02 · [B] Didot Erster Bruch mit der Fraktur: Didot-Versalien (sehr kompakt, starke Vertikalen, Haarstrich-Serifen; vgl. heutiger Vogue-Titel) |
1860-09-02 |
1863-10-01 · [D] Grotesk Serifenlose, komprimierte Versalien — frühester Grotesk-Masthead im Korpus |
1863-10-01 |
1864-05-01 · [C] Egyptienne Groteske mit starken Serifen in gleicher Strichstärke; enstanden in England am Beginn des 19. Jh., fand dann ab Mitte/Ende des 19. Jh. weite Verbreitung in Europa |
1864-05-01 |
1870-09-01 · [A] Fraktur Erneuter Wechsel zur Fraktur, dieses Mal mit stilisierten Versalien |
1870-09-01 |
1872-05-01 · [A] Fraktur Textura-nahe Display-Fraktur; belegt die dauerhafte Fraktur-Linie ab 1871. |
1872-05-01 |
1876-08-01 · [A] Fraktur Erneute Vereinfachung |
1876-08-01 |
1880-05-01 · [A] Fraktur Spätes 19. Jh.: ornamentale Fraktur im Masthead. |
1880-05-01 |
1904-12-01 · [A] Fraktur Frühes 20. Jh., weitere Vereinfachung |
1904-12-01 |
1918-12-01 · [A] Fraktur Letztes Fraktur-Jahr vor dem Antiqua-Experiment 1919. |
1918-12-01 |
1919-01-01 · [C] · ↩ Singuläre Ausgabe in Grotesk |
1919-01-01 |
1919-02-01 · [A] Fraktur · ↩ identisch zu 1918 |
1919-02-01 |
1942-03-02 · [E] Antiqua · → Redaktioneller Artikel „Neues Kleid“ zum typografischen Umbau und Papierersparnis. |
1942-03-02 |
1944-09-11 · [A] Fraktur · ↩ Fraktur von 1918 wiederhergestellt; Letzeburg ass frei! darunter in Grotesk. Text nun ganz in Antiqua |
1944-09-11 |
1980-01-02 · [A] Fraktur Spätes Korpus: Fraktur-Titel wie 1918–1942 (Anknüpfung an 1848–1850) |
1980-01-02 |
Zitierte Literatur




