Dies ist eher eine kurze Notiz (auch an mich selbst) als ein ausführlicher Blogpost. Obwohl nur mittelbar mit luxemburgistischen Themen verbunden, soll die folgende Darstellung illustrieren, wie biografische und kulturgeschichtliche Zeitläufte die europäische Geistesgeschichte durchziehen und verbinden.
Der Name Hassenpflug war in der Luxemburger Bevölkerung des 19. Jahrhunderts ein verhasster Name. Ludwig Hassenpflug (1794–1862), eingesetzt vom König-Großherzog Wilhelm I. als Zivilgouverneur in Luxemburg für den kurzen Zeitraum von 1839 bis 1840, versuchte äußerst autoritär, ein obrigkeitsstaatliches Regime sowie die Germanisierung Luxemburgs durchzusetzen. Geblieben ist der Spottvers: „Hassenpflug und Stifft / Haben das Land vergift.“ Paul Noesen hat in einem lesenswerten Artikel im Luxemburger Wort von 1958 die Familiengeschichte aufgearbeitet:
Er war Hesse von Geburt, und die Chatten gelten als eigensinnige Köpfe. Doch waren z. B. die Brüder Grimm seine Zeit- und Landsleute, und doch von ihm grundverschieden. Tatsache ist jedenfalls, daß er in seiner Heimat mindestens so verhaßt war wie in Luxemburg.
Die Hassenpflugs waren zwar eine hessische Familie, gebürtig aus Hanau, später nach Kassel übergesiedelt; zugleich waren sie jedoch aus der Dauphiné eingewanderte Hugenotten. Dies hatte zur Folge, dass im Hause Hassenpflug auch in Kassel Französisch gesprochen wurde. Ob Ludwig Hassenpflugs Französischkenntnisse ihm bei seiner Arbeit in Luxemburg zugutekamen?
Noch bevor Ludwig Hassenpflug nach Luxemburg kam, hatten sich seine Geschwister und er mit den Brüdern Grimm in Hanau angefreundet und diese Freundschaft nach der Übersiedelung nach Kassel auch beibehalten. Und es sind besonders die Frauen beider Familien, durch die wichtige Verbindungen etabliert werden. Die Schwestern Marie, Jeannette und Amalie steuerten einige der bekanntesten Märchen für die Kinder- und Hausmärchen bei – Märchen, die sie möglicherweise auf Französisch von ihrer Mutter gehört hatten (was zu langjährigen Missverständnissen in der Märchenforschung geführt hat; vgl. Rölleke 2008). Obwohl noch jünger als die damals ebenfalls jungen Grimms, wird Marie Hassenpflug dann als die Märchenfrau „Alte Marie“ hypostasiert.
Die jüngere Schwester der Brüder Grimm hingegen, Charlotte Grimm (1793–1833), heiratete im Jahr 1822 Ludwig Hassenpflug. Aufgrund ihres frühen Todes begleitete sie ihn jedoch nicht nach Luxemburg.
Es ist verführerisch, Hassenpflugs Luxemburg-Aufenthalt und seine Bekanntschaft mit den Brüdern Grimm auch mit der früh einsetzenden Aufnahme luxemburgischen Wortguts in das Deutsche Wörterbuch in Verbindung zu bringen. Zwar erschien das erste luxemburgische Wörterbuch – J.-F. Ganglers Lexicon der Luxemburger Umgangssprache – bereits 1847, und die ersten Lieferungen des Deutschen Wörterbuchs unter Leitung der Grimms ab 1852. Doch wurden erst ab 1862 Belege aus dem Gangler und später auch aus dem Wörterbuch der Luxemburger Mundart (WLM) aufgenommen (unter Hildebrand). Der Grund dafür war, dass in der ursprünglichen Konzeption der Brüder Grimm keine Dialektwörterbücher berücksichtigt werden sollten – das Luxemburgische blieb somit zunächst außen vor (vgl. Gärtner 2008).






